Demenz unter dem Schirm des Quartiers

Eine Kampagne des Demenz-Servicezentrums Region Ruhr: Menschen mit Demenz leben im Quartier.

 

Seit 2012 führt das Demenz-Servicezentrum Region Ruhr das folgende Veranstaltungskonzept in seinem Einzugsbereich durch. Gemeinsam mit den lokalen Akteuren wurden so bereits ca. 30 Veranstaltungen in verschiedenen Quartieren durchgeführt.

Menschen mit Demenz leben kleinräumiger, als jüngere und nicht erkrankte Menschen. Ihre Mobilität ist eingeschränkt. Typische Versorgungsleistungen werden häufig in der unmittelbaren Umgebung gesucht.

Dem stehen tradierte Paradigmen gegenüber, dass Menschen mit Demenz in Sondereinrichtungen leben oder von ihnen unterstützt werden. Sie gehören damit immer weniger dazu. Die auf Absonderung angelegten Strukturen fördern den persönlichen Rückzug. Mit den Konzepten von Absonderung geht auch einher, dass kranke Menschen im Gemeinwesen nicht mehr präsent sind. Mit der Absonderung ist unter den Bürgern oft die diffuse Angst verbunden, selbst einmal zu den Menschen zu gehören, die kaum jemand mehr will.

Damit Menschen mit Demenz in ihrem gewohnten Umfeld leben bleiben können und dort Unterstützung erfahren, bedarf es struktureller Veränderungen im Stadtteil und Quartier. Es gilt, kommunikative Bezüge aufzubauen, sie zu verstetigen und schließlich in strukturelle Veränderungen münden zu lassen. Veränderungen betreffen Leistungsanbieter nicht nur von Versorgung und Pflege sondern auch Vereinigungen und Gruppen, Geschäfte, Ärzte, Verkehrsunternehmen usw.

Quartiere können nicht von außen neu strukturiert werden, sondern sie erneuern sich selbst. Hierzu bedarf es allerdings Anstöße, die eine veränderte Kommunikation möglich machen. Schlussendlich geht es darum, dass Menschen mit Demenz, dort wo sie bereits immer gelebt haben, mit ihren Eigen- und Krankheiten weiter leben, sich verlaufen, Irrtümer begehen und ihr Leben in den gewohnten Bezügen führen dürfen.

Um dieses Konzept umzusetzen, bedarf es der Schaffung von Verbindungen der Akteure in einem Quartier. Die Schaffung von Verbindungen der Akteure lassen sich in den drei Leitsätzen zusammenfassen:

  • Menschen mit Demenz leben in ihrem Gemeinwesen, das für sie Schutz und Schirm ist.
  • Menschen mit Demenz brauchen Kontakt und man muss über sie sprechen.
  • Menschen mit Demenz benötigen Unterstützung durch qualifizierte Dienste und stadtteilbezogene Strukturen- und Angebote. 

Es ist eine Kampagne, in der an einem Tag etwa für vier bis sechs Stunden auf einem belebten Platz ein großer Schirm aufgestellt wird. Der Platz soll der Mittelpunkt eines Quartiers, Stadtteils, einer Nachbarschaft etc. sein. Betroffene, Interessierte und professionelle Kräfte aus dem Quartier, die sich mit dem Thema beschäftigen, sind eingeladen, unter den Schirm zu kommen. Dienste ebenfalls aus dem Quartier stellen sich an kleinen Stehpulten vor. Es gibt Gelegenheit zum Austausch, zur Vorstellung des eigenen Dienstleistungsangebotes etc. Während der Präsenz wird ein Forum durchgeführt. Unter leitenden Fragestellungen zu Demenz und Quartier wird wie auf einem Marktplatz durch einen Moderator ein ergebnisoffenes Gespräch von ca. 30 bis 45 Minuten geleitet. Damit soll der Diskurs zu Fragen der Demenz und Quartier angestoßen werden. Teilnehmen können alle Menschen, die anwesend sind.

Die Aktion besteht aus dem großen Schirm, der neben seiner symbolhaften Bedeutung auch Schutz vor Regen etc. bietet, kleinen Stehpulten an den Information erteilt und Material ausgestellt werden kann sowie dem moderierten Forum. Die Orte werden mit den bestehenden Netzwerken zur Demenz in den einzelnen Kreisen und Städten bestimmt. Die einzelnen Aktionen werden mit den potentiellen Akteuren im Gemeinwesen zuvor besprochen und in der Presse angekündigt.

Es soll nach Möglichkeit ein oder wenige hauptverantwortliche Träger gefunden werden, die ihren Sitz im Quartier / Stadtteil haben.

Mit ihm werden die weiteren Akteure im Quartier / Stadtteil gefunden. DSZ, hauptverantwortliche/r Träger und die weiteren Akteure führen eine vorbereitende (Quartiers-)Konferenz durch und legen letztendlich den genauen Ort und die Zeit fest. Dann kann die Aktion durchgeführt werden. Ggf. kann es zu einer Nachbesprechung kommen, aus der sich ggf. wiederkehrend durchgeführte Quartierskonferenzen ergeben können. Auf jeden Fall wird mit einer solchen Aktion die quartiers- stadtteilbezogene Kommunikation gefördert.

Download Präsentation

Demenz unter dem Schirm des Quartiers 2012

Text: Wolfgang Wessels, DSZ - Ruhr

Menschen mit Demenz leben unter uns. Sie sind unsere Nachbarn. Sie bleiben Bürger des Quartiers, in der sie mit zunehmender Krankheit kleinräumig leben. Demenz ist eine so in die Persönlichkeit des Menschen, in seine Familie und sein Umfeld eingreifende Krankheit, dass niemand diese Aufgabe alleine bewältigen kann, so dass es auf die Zusammenarbeit vieler Stellen ankommt.

Demenz unter dem Schirm des Quartiers 2012Experten sind die Unterstützer vor Ort. Unterstützer sind alle, die den kranken Menschen begegnen, denn die Kranken sind auf unsere Unterstützung angewiesen. Die kranken Menschen und ihre Unterstützer haben etwas zu sagen. Die Kranken sind kein Objekt der Fürsorge und Behandlung, sondern selbstbestimmt lebende und teilhabende Bewohner eines Quartiers.

Dieses gilt es zu zeigen. Daher sind zwischen dem 20.6. und 28.11.2012 Akteure aus den jeweiligen Stadtteilen und Quartieren in Dorsten - Lembeck, Herne - Horsthausen, Gelsenkirchen - Neustadt, Herten - Disteln, Gevelsberg, Hattingen - Welper, Marl - Brassert, Herne - Eickel, Sprockhövel - Niedersprockhövel, Witten, Recklinghausen – Süd, Essen – Kettwig und Waltrop zusammengekommen und haben in der Öffentlichkeit von Marktplätzen und vor Einkaufszentrum in moderierten Gesprächen ihre Zusammenarbeit dargestellt. Das fiel auf, auch wenn der unmittelbare Gesprächskreis klein blieb.

Demenz unter dem Schirm des Quartiers 2012Erreicht hat die Veranstaltungsreihe ca. 120 Netzwerkpartner. Darunter waren professionelle Kräfte, Ehrenamtliche und Angehörige. Zu den Mitwirkenden gehörten auch Stellen wie Sparkassen, Banken, Apotheken, Lebens-, Fernseh- und Radiogeschäfte, Rechtsanwälte und viele mehr.

Themen waren alle Fragestellungen um die Demenz. Schwerpunkte waren Unterstützungs- und Betreuungsleistungen und die Akzeptanz im Stadtteil.


Zu danken ist der Fotografin oder dem Fotografen aus Herten und Elisa Wessels für das Foto aus Gelsenkirchen.


Zwischenbilanz der Akteure

Veranstaltung am 30.01.2013 im Wissenschaftspark Gelsenkirchen

Text: Lukas Jäger, DSZ Ruhr

Bilanz: 

Grundsätzlich hat die Initiative und Federführung des Demenz-Servicezentrums Ruhr die Durchführbarkeit der Veranstaltungen ermöglicht und dadurch den Akteuren vor Ort viel Arbeit abgenommen. Die tatkräftige organisatorische Unterstützung hat die Bildung von Netzwerken vor Ort ermöglicht.

Bei der Veranstaltung in Witten kann trotz geringer Besucherzahlen und schlechter Wetterbedingungen im Rückblick doch ein positives Fazit gezogen werden, da im Nachhinein noch Kontakte zu Hilfesuchenden Menschen entstanden sind, die sich direkt auf die Präsenz auf dem Platz zurückführen lassen. Eine Besonderheit der Wittener Veranstaltung stellte die Zusammenarbeit und Kommunikation mit den ehrenamtlichen Kräften dar.

Viele Rückmeldungen und positive Auswirkungen, die im Nachhinein spürbar wurden, gab es auch durch die Veranstaltung in Dorsten-Lembeck. Dies hat ebenfalls die Lembecker Pflegeeinrichtung zurückgemeldet. Das in Lembeck durchgeführte Beiprogramm (bspw. Informationsveranstaltungen) wurde gut angenommen und kann im Rückblick positiv bewertet werden. Die Atmosphäre der Lembecker Veranstaltung wurde als „familiär“ beschrieben.

Die Veranstaltung in Gelsenkirchen zeichnete sich durch eine eher versteckte, distanzierte Zuhörerschaft aus, welche jedoch die Veranstaltung durchaus verfolgte.

In Hattingen-Welper wurde die Veranstaltung von einigen Akteuren mit der Zielsetzung gestartet, die Wohnbevölkerung zu informieren. Jedoch ist auch über diese Zielsetzung hinaus eine Vernetzung möglich gewesen. Neben dem Informationszweck der Veranstaltung sind dort auch wichtige Kontakte geknüpft worden. Viele Teilnehmer wünschen sich eine Wiederholung des Veranstaltungsformats.

 

Die Plakatierung im Stadtteil im Vorhinein der Veranstaltung wurde ebenfalls als positiv bewertet. Auch durch die Plakate ist Demenz bereits zu einem Thema im Stadtteil geworden, sodass die Plakate mehr waren als reine Informationsträger.

Die Kommunikation in der Öffentlichkeit auf der Bühne ist für dieses Thema als sehr angemessen bewertet worden. Persönliche Erfahrungen, wie sie auf den Veranstaltungen kommuniziert wurden, beleben die Veranstaltung. Das „Ins-Gespräch-kommen“, die tatsächliche, nicht-einseitige Kommunikation ist ein wichtiges Merkmal der Veranstaltungsreihe. Hierbei wird die Moderation der Gespräche als sehr hilfreich angesehen.

Ebenfalls bewährt hat sich die Zusammenarbeit mit einem Event-Manager, der Transport, Aufbau, Betrieb der Technik und Abbau übernommen hat. Dadurch erfolgte eine deutliche Entlastung.

Die Präsenz in der Lokalpresse wurde positiv bewertet. Dadurch wurden auch Menschen erreicht, die nicht zu der Veranstaltung erschienen sind. Das reine Wahrnehmen der Veranstaltung und der Akteure vor Ort wird als wichtig empfunden, damit im Bedarfsfall sich die ratsuchenden Menschen erinnern und Ansprechpartner kennen. Das Wissen um die Existenz von Unterstützungsangeboten gibt Sicherheit und Vertrauen, die Erkrankung bewältigen zu können.

 

Ebenfalls bewährt hat sich das Engagement eines Drehorgelspielers. Dieses soll auch in Zukunft beibehalten werden.

 

Ausblick:

 

Das Veranstaltungsformat hat Zukunft, da Demenz in der Öffentlichkeit ein Thema bleiben muss. Dieses Thema muss kleinräumig behandelt werden und daher ist ein solches Veranstaltungsformat für das Thema Demenz besonders geeignet.

Als zukünftige Veranstaltungsorte werden Einkaufszentren vorgeschlagen, da Wochenmärkte zunehmend Kundschaft verlieren und in der Nähe von Einkaufszentren eine größere Öffentlichkeit erreicht werden könnte.

Im Einzugsgebiet des Demenz-Servicezentrums Ruhr gibt es noch einige Gebiete, die noch nicht abgedeckt sind. Daher sind auch zukünftig Veranstaltungen sinnvoll.

Aufgrund von Kapazitätsgrenzen wird das Ausleihen des Schirm-Konzepts (einschließlich der Materialien mit Aufbau durch den Event-Manager) vorgeschlagen. Dadurch wären mehr Veranstaltungen möglich, als wenn alle Veranstaltungen allein durch das Demenz-Servicezentrum Ruhr durchgeführt würden.

Im Jahr 2013 wird als möglicher Aktionszeitraum aufgrund günstiger Wetterbedingungen der Zeitraum von Juni bis Oktober 2013 genannt. Ein erneuter Kontakt zwischen den Akteuren ist beabsichtigt.